timrasmus

home    archive    theme
©
an curated assembly of mountains and cars to sleep in

Es ist ja etwas platt, konsequent zu wiederholen “Die Tour macht ihrem Namen alle Ehre”. Ließ sich gestern aber nicht komplett vermeiden. Im Chamonix-äquivalenten Stil ging es mit der Bahn auf den Osterfelderkopf, um von dort zur Nordwand der Alpspitze zu eilen.

Axel hat einige Jahre darauf verwendet, mich anzutreiben und den Wunsch zu wecken, als erste einzusteigen. Endlich, muss er denken, sind die Bemühungen einigermaßen erfolgreich. Mit immer besserer Form und Können war ich es dann auch irgendwann leid, hinter langsamen Seilschaften eingebaut zu sein. War es mir in der Vergangenheit egal, ob ich als letzter hinterher schlappe, muss es nun nahe an der Pole Position sein. Was in diesem Fall bedeutete: 5:30 aufstehen, runter nach Garmisch, rein in die erste Bahn und dann zügig los.

Es wäre gelogen, würde man die Alpspitz Nordwand als Wand mit “alpinem Charakter” bezeichnen. Es ist näher am Klettergarten mit weiten Hakenabständen. Leider. Aber da es nun mal so ist und man weiß, woran man ist, ergeben sich tolle Möglichkeiten für Tages- oder Halbtagestouren. In unserem Fall bei bewölktem Himmel die Route “Nebelpartie”, die eingangs erwähnten Ausspruch mehrfach von uns hörte. Angesichts der durchziehenden Wolkenfelder ergaben sich aber auch immer wieder stimmungsvolle Tiefblicke in Richtung Hochalm und Garmisch.

Die Route ist angeschrieben(!!!) und führt in mehr oder weniger kompaktem Fels logisch nach oben. Um Axel die Schlüsselseillänge (6-) klettern lassen zu können, musste er auch beginnen. Mit den Gedanken noch im Büro und bei einer anstrengenden Arbeitswoche folgte ich, brauchte aber bis zum zweiten Stand, um im Hier und Jetzt anzukommen.

Die Schlüsselstelle war im Gegensatz zur restlichen Route sehr ordentlich mit Haken bedacht, wir kamen gleichwohl ohne A0-Ausflüchte hinauf. Der Grad ist nahe an dem, was ich in der Halle vorzusteigen im Stande bin, sodass ich mich besonders freute, sauber durch gekommen zu sein.

Die Ausstiegsseillänge (5-) verbaselte ich dann quasi mit Ansage. Mir war schon mit dem Topo eher unwohl, weil eine 3er Länge weiter unten ungewohnt schwierig war. Nachdem sich dann auch kein logischer Weg und keine Haken erkennen ließen, kam Axel zum provisorischen Stand nach. Eines haben wir in diesem Jahr gelernt: Entscheide rasch. Nicht lange rumsuchen und dann doch nicht agieren, sondern lieber entscheiden und dann mit den Konsequenzen leben. In diesem Fall war es dennoch zu spät, Axel fand einen Weg, der uns aber vom einsetzenden Regen unmöglich gemacht wurde. Plattenkletterei und Wasser von oben sind zwei Dinge, die nicht gut zusammenpassen. Wir gaben nach, umgingen das Stück und stiegen oben aus, um anschliessend über die Ferrata zurück zur Bahn zu laufen.

Nicht unerwähnt sollen die 15 Hunde der Bergwacht bleiben, die unterhalb unserer Route ausgebildet wurden. Ihr Gebell war uns Musik in den Ohren… Wir sind dankbar, dass es die Hunde gibt, sich ihre Herrchen/Frauchen in ihrer Freizeit um die Ausbildung kümmern und man im Notfall gefunden wird! Beim nächsten Mal suchen wir aber möglicherweise trotzdem eine Alternative.

Tour – Nebelpartie. Im Nebel… Es ist ja etwas platt, konsequent zu wiederholen “Die Tour macht ihrem Namen alle Ehre”. Ließ sich gestern aber nicht komplett vermeiden.

Chamonix als solches hat einfach eine Anziehungskraft. Logischerweise für Bergsteiger der Tatsache geschuldet, dass es am Fuße des Montblanc liegt. Die Spielwiese Montblanc-Gebiet ist im Alpenraum an Faszinationskraft kaum zu überbieten. Das Berner Oberland ist deutlich überschaubarer, wohingegen Zermatt und das Wallis recht weitläufig sind. IN Chamonix hingegen, so kommt es mir zumindest vor, finden sich Gipfel und Routen dicht an dicht. Keine Linie, die nicht schon versucht worden wäre. Trotzdem gelingt auch in 2014 noch die Eröffnung neuer Routen wie jüngst am Dent du Geant.

Kilian Jornet trägt mit seinen „Alpine running“ Unternehmungen dazu bei, den Reiz des Neuen zu erhalten und Bilder von Chamonix konsequent in alle Welt zu transportieren (auch wenn es das bei dem Ansturm asiatischer und arabischer Touristen gar nicht mehr braucht).

Die Seilbahn zur Aiguille du Midi funktioniert als touristische und bergsteigerische Aorta. Innert kürzester Zeit werden die Alpinisten auf das Gletscherplateau unter der Cosmiques-Hütte katapultiert. Von hier erschliesst sich die Triangle du Tacul, Routen an der Südwand der Midi, der Cosmiques-Grat, ja bis zum Montblanc du Tacul kann man es leicht als Tagestour schaffen. Der berühmte 4000er aus dem Tal – von uns im letzten Jahr als Akklimatisation gemacht.

Genug zu all den Dingen, die man in der ein oder anderen Form ohnehin schon gelesen hat. Wenden wir uns der Tour zu, die mit der genannten Midi-Seilbahn überhaupt erst ermöglicht wurde. Die Triangle du Tacul vom Tal aus.

Mit etwas wohlwollender Motivation am Vorabend konnten wir unseren Wecker auf kurz vor 5 stellen, um dann eine faire Chance auf die erste Bahn zu haben (6.30 Uhr). Die Routine hatte sich bereits eingestellt, es war das dritte Mal, dass wir früh aufstanden, um eine Tour vom Campingplatz ausgehend zu unternehmen. Die Handgriffe konnten mit müder Repetition erledigt werden: Eiwaffeln und Nutella aus dem Auto, Wasser in den Topf, Kocher anfeuern, Kaffeepulver in die Becher, nochmal in den Halbschlaf zurückfallen, während das Wasser zu Kochen begann, um dann nach Genuss des Kaffees endlich das Gefühl zu haben: „Jetzt kann ich tatsächlich Bergsteigen“.

Am Parkplatz trifft man dann bereits die ersten anderen Bergsteiger, jeder mit dem müden, aber doch angriffslustigen Blick. Neugierig wird das Material am Rucksack, die Größe des Rucksacks gemustert, in der Hoffnung, einen Rückschluss auf die Tour der anderen ableiten zu können. Wenn man von Touristen angesprochen wird, ist die Frage in der Regel: „Habt ihr den Montblanc gemacht?“, was wir in diesem Jahr regelmäßig verneinen durften. Im Gegenteil, wir waren nicht einmal über 4000m.

Da die Schneemenge in diesem Jahr als „reichlich“ bezeichnet werden konnte, war der Grat von der Midi auf den Gletscher gut zu gehen. Dennoch kam es hier zu einem tragischen Unfall, wie wir aus der Zeitung erfuhren. Direkt nach der Bergbahn muss mit Steigeisen ein Grat begangen werden, der zur linken Seite steil nach Chamonix abfällt. Dieser irre Blick in die Tiefe kann solche, die es nicht gewohnt sind, durchaus überfordern. Da er gefühlt von jedem außer uns angeseilt begangen wird, endet ein Stolperer hier fatal.

Wir gingen, wie immer, seilfrei und organisierten Seil und Gurt erst unten, um den Gletscher zu queren und in Richtung Triangle zu starten. Die beeindruckende Wand mit ihren unterschiedlichen Linien kommt einem immer näher, man verlässt irgendwann die Spuren und Axel hatte das Vergnügen, neue Tritte zu formen. Ich war dankbar, dass Seil tragen zu dürfen und die Engländer hinter uns taten weder noch. Sie waren dankbar für die Stufen. Fairerweise muss man sagen, dass wir uns im späteren Verlauf (sie sollten uns zu Beginn der Kletterei bereits überholen) ihrem Verlauf folgen konnten. Die Routenfindung erscheint mir hier aber vergleichsweise einfach, man folgt der logischen Linie nach oben und klettert durch.

Wir fanden gut ins Klettern, wenngleich die mitgebrachten Eisschrauben weitestgehend sinnlos am Gurt baumelten. An steileren Stellen war dann wiederum das Eis zu schlecht um eine Schraube zu setzen. Auf 40m gelang es mir, zwei zu platzieren, diese ärgerlicherweise auf den ersten 8 Metern. Dafür konnte man hervorragend die Felsköpfe nutzen und es ergab sich eine schöne Mixed-Kletterei.

Sobald wir auf der Route waren, merkten wir den starken Wind insofern, als dass uns durchweg Spindrift von oben erwischte. Abermals war ich von meiner Jacke (Berghaus Mount Asgard Smock) begeistert, die trotz Kapuze eine gute Übersicht erlaubt, warm hält und das völlig ohne Isolation. Der Wind wurde immer stärker im Tagesverlauf und erreichte, als wir aus der Route ausstiegen, Beafort 8, wobei Böen sicher um die 9 einzuordnen waren. Es war großartig!

Nach der Route machten wir dann den Fehler des Tages, der im Grunde schon am Vorabend bei der Routenplanung begonnen hatte. Wir haben im Buch überlesen, dass man bei lawinöser NW-Flanke über das Chere-Colouir abseilen kann. Und liefen somit direkt durch die besagte Flanke. Der Schnee hatte sich eigentlich ganz gut gesetzt, aber ein mulmiges Gefühl bestand. Die Engländer waren mittlerweile außer Sicht, die Spuren vom Wind zugeweht und wir bahnten uns unseren eigenen Weg. Abermals: Es war großartig.

Axel schätzt sowohl Wind und NW-Flanke völlig anders ein. Das sei dazu gesagt. Beides kann ich ihm nicht verdenken, aber zumindest das Thema „Wind“ ist für mich eher positiv, komme ich doch aus dem sturmumtosten Norden.

Wir erreichten den Gletscher bei Schneefall (der nicht angesagt war) und Sturm, gingen zurück zur Midi und freuten uns nach erfolgreicher Tour. Ich ging so weit, sie als meine coolste Tour bisher einzustufen. Wind und Mixed-Gelände, was will man mehr…

Noch kurz ein paar Worte zum Material, weil ich das so gerne mache:

Kleidung: Haglöfs Atom Bib war wie immer zuverlässig. Die Knie-Polster rutschen nach wie vor hoch, wenn man es aber hinbiegt, kann man am Stand deutlich komfortabler sichern.

Petzl Quark mit BD Spinner Leash: Perfekt. ich bin unglaublich begeistert. Der zweite Griff am Schaft des Eisgeräts macht es extrem vielseitig, die Haue beißt gut ins Eis und mit der Spinner Leash besteht keine Verlustgefahr.

MSR Firnanker: Die letzte Neuerwerbung, die eine Absicherung auch an Stellen erlaubt, die bisher so nicht zu klären waren. Wenn man den Kopf mit Eisgerät oder Hammer traktiert, zeigt das Aluminium logischerweise rasch Gebrauchsspuren. Sinnvolle Ergänzung und dafür auch vom Gewicht zu vertreten.

DMM und BD Friends: Hier gehen die Vorlieben auseinander, Axel schwört wegen des Griffs auf BD, ich wegen der verlängerbaren Schlinge auf DMM. Aber beide Fabrikate überzeugen in 100%iger Qualität und ohne Überraschungen.

 

Chamonix als solches hat einfach eine Anziehungskraft. Logischerweise für Bergsteiger der Tatsache… Chamonix als solches hat einfach eine Anziehungskraft. Logischerweise für Bergsteiger der Tatsache geschuldet, dass es am Fuße des Montblanc liegt.